Eine Depression kann viele Gesichter haben:
Die 64jährige Anna B. war früher eine aktive, lebenslustige Frau. Seitdem sie in Rente war reiste sie gemeinsam mit ihrem 72jährigen Mann Walter viel herum und hatte eine besondere Liebe für die Toskana entdeckt. Dann starb plötzlich Walter an einen Herzinfarkt und seitdem ist alles anders: Anna geht nicht mehr aus, vermeidet ihre Freundinnen, läßt den Garten, früher ihr Lieblingshobby, verkommen und hält auch kaum Kontakt zu ihrer Tochter und dem 10jährigen Enkelsohn. Obwohl Anna jetzt schon seit mehr als einem Jahr Witwe ist, scheint sich an ihrem Zustand nichts zu ändern. Hin und wieder sagt sie zu ihrer Tochter, daß Walter vielleicht noch leben würde, hätten sie ein ruhigeres und beschaulicheres Rentnerleben geführt.
Martin ist 17 Jahre alt. Er wirkt nicht traurig. Er ist gereizt und aggressiv: Martin streitet mit seiner Mutter über jede Kleinigkeit, hat seiner Freundin den Laufpaß gegeben und spielt nach etlichen Querelen nicht mehr in der örtlichen Fußballmannschaft. Am liebsten liegt er den ganzen Tag über im Bett, hört Musik oder setzt sich vor den Fernseher. Seine schulische Leistung ist rapid gesunken, er muß die 10. Klasse wiederholen.
Die ältere Frau und der junge Mann- sie beide haben etwas gemeinsam: beide zeigen Symptome einer Depressionserkrankung. Trauer ist eine normale Reaktion auf einen schweren Verlust wie Tod eines nahen Menschen oder auf übermäßige Belastung. Die Depression unterscheidet sich von einer normalen Trauer aber dadurch, daß sie übermäßig lange dauert, die Trauerreaktion selbst übermäßig intensiv erscheint und manchmal außerdem kein äußerer Anlaß zu entdecken ist. Depressive Menschen sind energielos, haben ihre ursprünglich einmal vorhandene Freude an Tätigkeiten oder Dingen verloren, fühlen sich hoffnungslos, ängstlich und leiden unter Schlafstörungen. Viele Betroffene plagen sich mit Selbstvorwürfen. Sie sind außerdem in ihrem Alltagsleben stark eingeschränkt, bekommen berufliche oder schulische Probleme. Es besteht eine erhöhte Selbstmordgefahr.
Es gibt keine genauen Statistiken darüber, wieviel Menschen von einer Depressionserkrankung betroffen sind, da viele Betroffene keine ärztliche Hilfe suchen. Die Schätzungen gehen dahingehend, daß etwa 15 % der Bevölkerung hin und wieder an einer leichten Depression leidet und 2 Prozent an schweren Depressionen.
Untersuchungen über die Ursache der Depression bringen Hinweise auf fundamentale Störungen im Gehirn. Mithilfe von neueren Abbildungsverfahren für Gehirnprozesse (u.a. Magnetresonanz-Technik) ist der Nachweis gelungen, daß bei einer Depression neuronale Schaltkreise, die für die Regulation von Stimmung, Schlaf, Denken und Appetit verantwortlich sind, Störungen aufweisen. Außerdem ist die Zusammensetzung der Neurotransmitter – das sind verschiedene chemische Botenstoffe, die von den Gehirnnervenzellen zur Kommunikation gebraucht werden – aus der Balance.
Aufgrund genetischer Forschungen geht man davon aus, daß die Anfälligkeit einer Person für eine solche Störung der elektrischen und chemischen Prozesse im Gehirn vererbt werden. Erleidet diese Person dann zusätzlich besonderen Streß ist die Wahrscheinlichkeit einer tatsächlichen Erkrankung an Depression um ein Vielfaches höher als bei Personen ohne familiärer Vorbelastung mit Depression.
Depression kann allerdings trotzdem auch Menschen ohne familiäre Vorbelastung befallen. Ursachen können sein: Gehirnveränderungen nach schweren Erkrankungen, Störungen oder Veränderungen im Hormonhaushalt (z.B. Schwangerschaft oder Wechseljahre), Medikamente, Drogenmißbrauch, Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, traumatische Erlebnisse ….
Symptome und Typen der Depression
Es ist ganz natürlich, sich in verschiedenen Situationen des Alltags niedergeschlagen zu fühlen. Die Grenze zwischen normaler Niedergeschlagenheit und der eigentlichen Depression ist dabei fließend. Für eine Depression gilt, daß mehrere der folgenden Symptome über einen längeren Zeitraum vorhanden sein müssen:
Die wichtigsten Symptome sind:
- Fehlendes Interesse und Freude an normalen Aktivitäten und Vergnügungen
- Sozialer Rückzug
- Veränderung von Persönlichkeitszügen, wie z.B. plötzliche Aggressivität
- Geringerer Appetit/Gewichtsverlust oder erhöhter Appetit und Gewichtszunahme
- Schlafstörungen, gekennzeichnet durch frühzeitiges Erwachen gefolgt von Grübeln oder durch Einschlafstörungen
- Geringerer oder erhöhter Schlafbedarf
- Rastlosigkeit oder Trägheit
- Verringerte sexuelle Energie
- Fehlende Energie, Müdigkeit
- Geringeres Selbstbewusstsein
- Schuldgefühle
- Weinerlichkeit
- Konzentrationsschwierigkeiten, langsamer Gedankengang
- Unentschlossenheit
- Wiederkehrende Gedanken über den Tod, Selbstmordgedanken, Selbstmordversuche
- Wahnphänomene
Typen der Depression (lt. Diagnostischem und Statistischem Manual Psychischer Störungen DSM IV)
Major Depression: Das wesentlichste Merkmal ist eine mindestens zwei Wochen lang andauernde Zeitspanne mit schwermütiger Stimmung und/oder Verlust des Interesses und der Freude an fast allen Aktivitäten. Außerdem müssen zumindest vier zusätzliche Symptome (siehe oben) bestehen, die während dieser mindestens zwei Wochen täglich und permanent vorhanden sind. Manche Patienten erleiden im Laufe ihres Lebens nur eine Episode einer Major Depression, andere mehrere Episoden.
Bipolare Störung: Hier kommt es zu einem Wechsel zwischen depressiven Phasen und manischen Episoden. Während einer manischen Episode zeigt der/die Betroffene u.a. ein übersteigertes Selbstwertgefühl, geringes Schlafbedürfnis, gesteigerte Betriebsamkeit und/oder psychomotorische Unruhe und/oder Rededrang.
Dysthyme Störung: Sie ist definiert als eine depressive Verstimmung, die mindestens zwei Jahre lang mehr als die Hälfte der Zeit angehalten hat, zusätzliche depressive Symptome aufweist, aber die Kriterien für eine Major Depression nicht voll erfüllt.
Zyklothyme Störung: Hier leiden die Betroffenen unter starken Stimmungsschwankungen, wobei die einzelnen Phasen weder voll die Kriterien für eine manische Episode noch die Kriterien für eine Major Depression erfüllen.
Man unterscheidet außerdem zwei aufgrund ihrer Ursache gesondert genannte Erkrankungen: Affektive Störung aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors (Depressionen als Begleitsymptom zu schweren körperlichen Erkrankungen) und Substanzinduzierte Affektive Störung (Depressionen als Nebenwirkung von Medikamenten oder Folge von Drogenmißbrauch oder nach Kontakten mit einem Toxin)
Behandlung
Mit heutigen Behandlungsmethoden kann einem Großteil der Patienten geholfen werden. Die Kombination Medikament und Psychotherapie hat sich dabei gut bewährt.
Ungefähr 80 Prozent der Betroffenen reagieren laut dem US-Institute of Mental Health positiv auf eine Behandlung in dem Sinn, daß es zumindest zu einer deutlichen Verbesserung des Gemützustandes kommt. Trotzdem gibt es noch viele ungelöste Probleme: Ein kleiner Teil der Depressionskranken spricht überhaupt nicht auf die Medikamente an. Bei anderen Patienten halten erreichte Erfolge wiederum nur eine zeitlang an. Medikamente gegen Depression brauchen außerdem oft Wochen, bis sie die angestrebte Wirkung zeigen, weshalb es immer wieder notwendig wird, akut selbstmordgefährdete Depressionskranke temporär auf einer psychiatrischen Station aufzunehmen. Außerdem haben einige der Medikamente beeinträchtigende Nebenwirkungen wie z.B. Reduktion der sexuellen Aktivität und werden daher von den Patienten abgelehnt und gegen ärztlichen Rat abgesetzt. Es gibt zwar Medikamente mit relativ wenig Nebenwirkungen, doch leider sprechen nicht alle Patienten im gleichen Ausmaß auf diese Medikamente an. Es kann also eine zeitlang dauern kann, bis das richtige Medikament gefunden wird und zu wirken beginnt.
Unter den verschiedenen Psychotherapieschulen hebt das US-Institute of Mental Health vor allem die kognitive Verhaltenstherapie und die Einzel-Gesprächstherapie als wirksam hervor. Untersuchungen hätten gezeigt heißt es in einem Informationsblatt des Instituts, daß bei leichteren Depressionen Psychotherapie allein ausreichende Wirkung zeigen würde, während bei schwere Depressionen eine Kombination von Medikament und Therapie empfohlen wird.
Quellen für diesen Artikel:
www.nimh.nih.gov Informationsblatt “Depression Research”, National Institute of Mental Health, USA.
Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-IV, Dt.Bearbeitung von Saß, Wittchen und Zaudig, S.375-S.452, Hogrefe Verlag 1998


