Aufgrund jüngster Forschungsergebnisse besteht Aussicht auf die Entwicklung eines objektiven medizinischen Tests zur Diagnose von ADHD (Aufmerksamskeits-/ Hyperaktivitätsstörung, auch ADD, Hyperaktivität oder HKS genannt). Die derzeit vorhandenen Diagnoseverfahren wie psychologische Tests, Familienanamnese und Beobachtung des Kindes werden in den USA immer häufiger als unzureichend bezeichnet. Verhaltensprobleme eines Kindes würden zu rasch als ADHD oder Hyperaktivität diagnostiziert und in weiterer Folge zu häufig mit Medikamenten als ‘Quick fix’ behandelt lautet die Kritik.
Das US Biotechnologie Unternehmen Boston Life Sciences Inc. hat kürzlich die Resultate einer Untersuchung veröffentlicht, wonach bei ADHD-Patienten mithilfe eines nuklearmedizinischen Verfahrens ein Ungleichgewicht des chemischen Botenstoffes Dopamin Transporter (DAT) im Gehirn nachgewiesen werden kann. Diese Untersuchung bedeutete den erfolgreichen Abschluß der 2. Testphase. In den USA sind drei Testphasen vorgeschrieben, bevor ein Unternehmen die Vermarktung eines Produkts bei der zuständigen Behörde, der Food and Drug Administration, beantragen kann. Die abschließende 3. Testphase für das neue Diagnoseverfahren soll im Sommer beginnen.
In den letzten zehn Jahren stieg in den USA die Zahl von Kindern diagnostiziert mit ADHD von 900 000 auf 5,5 Millionen. Die Behandlung besteht neben Therapie bei vielen Kindern in Verschreibung von Medikamenten. Das bekannteste Medikament ist Ritalin mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Nach Angaben des International Narcotics Control Board werden 90 % des Methylphenidat Konsums in der Welt allein in Amerika getätigt. Etwa 10 bis 12 Prozent von amerikanischen Schuljungen nimmt nach offiziellen Schätzungen Ritalin. Obwohl auch von Kritikern nicht bestritten wird, daß das Medikament bei den meisten von ADHD betroffenen Kindern eine Verbesserung der Verhaltensproblematik zeigt, wird in Zweifel gezogen, daß es für alle Kinder gleich gut geeignet sei. So würden z.B. nur 76 % der Kinder mit der ADHD-Unterform ‘unaufmerksamer Typus’ auf Ritalin ansprechen. Weiters wird die Diagnose ADHD selbst in Zweifel gezogen. Zu häufig werden Stressymptome und Symptome nach belastenden Lebensereignissen wie eine Scheidung der Eltern als Hyperaktivität diagnostiziert und mit Medikamenten behandelt, obwohl hier mit Psychotherapie allein ebenfalls gute Behandlungsergebnisse erzielt werden könnten, lautet die Kritik. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion könnte ein objektiver medizinischer Test ein gut vermarktungsfähiges Produkt sein.
Das Bio-Tech Unternehmen Boston Life Sciences Inc. hofft, diesem Produkt nahe zu sein. Die Resultate der Phase II Untersuchung hätten bestätigt, daß bei ADHD-Patienten ein chemisches Ungleichgewicht des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn besteht. Die Wirkungsweise von Methylphenidat besteht darin, daß es die Dopamin Transporter im Gehirn blockiert, wodurch die Konzentration des Neurotransmitters ansteigen kann. (Mehr über die Wirkungsweise von Methylphenidat). Im Rahmen der Testentwicklung scheint es nun gelungen zu sein, ein Verfahren zu finden mit dem nachgewiesen werden kann, daß bei dem jeweiligen Patienten tatsächlich eine erhöhte Anzahl dieser Transporter vorhanden ist, sodass der Einsatz des Medikaments sinnvoll erscheint. Bei diesem Verfahren wird dem Patienten der Wirkstoff Altropane gespritzt, der die Eigenschaft hat, sich im Gehirn an die Dopamin Transporter anzubinden. Vor der Injektion wird Altropane durch Gamma-Bestrahlung radioaktiv gemacht, sodass seine Verteilung anschließend mithilfe der nuklearmedizinischen Diagnosemethode SPECT (Single Photon Emission Computed Tomographie) nachvollzogen werden kann. An der Phase II Untersuchung nahmen insgesamt 40 Erwachsene teil, die Hälfte davon waren ADHD Patienten. Bei diesen Patienten wurden erheblich erhöhte Konzentrationen von Dopamin Transportern im Gehirn im Vergleich zur Kontrollgruppe gefunden. Boston Life Science Inc. will nun im Sommer mit der abschließenden dritten Phase der Untersuchung beginnen und danach, bei erneut positiven Resultaten, um die Erlaubnis zur Vermarktung des Testes bei der US Food and Drug Administration ansuchen.
Quellen: www.boston.com 13.3.2001; www.bostonlifesciences.com


