Als sich Karin und Walter an meine Online-Beratung wandten lag ihre Ehe nach nur drei Jahren ziemlich im argen. Sie verbrachten ihre Freizeit kaum mehr miteinander, Walter trank zuviel und ging mit seinen Freunden so oft wie möglich fischen. Karin hetzte zwischen Büro und Kinderkrippe hin und her und fühlte sich einsam und von Walter in Stich gelassen. Karin war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt und Walter 46. Sie waren seit fünf Jahren zusammen und hatten zu Beginn eine wunderbare Zeit miteinander verbracht. Nach der Geburt ihres Sohnes Felix (1) ging es mit ihrer Ehe bergab. Warum?
Die Antwort auf diese Frage findet sich, wenn man die Geschichte und Grundlage dieser Beziehung genauer betrachtet. Als die beiden sich kennenlernten, hatte Walter gerade eine Scheidung hinter sich. Er war Vater eines 10jährigen Sohnes, zu dem er allerdings nicht mehr sehr viel Kontakt hatte. Seine Ex-Frau hatte wieder geheiratet und wollte nicht, daß Walter die neue Familie “stört”. Walter war das durchaus recht. Er sei kein “Kindertyp” sagte er gleich zu Beginn zu Karin. Das war ihr wiederum egal. Sie hatte einige Jahre zuvor ihr Studium beendet und war auf der Karriereleiter auf dem Weg nach oben. Kinder waren da nicht eingeplant. Ihre Beziehung lief gut und beide verfügten über ausreichend finanzielle Mittel, um sich einen relativ aufwendigen Lebensstil leisten zu können: Abendessen in guten Restaurants, Segelferien, Urlaubswochen in exklusiven Clubs, Städtereisen… . Nach zwei Jahren heirateten Walter und Karin und kauften sich gemeinsam ein Haus in guter Wohnlage. Weiterhin lief alles wie im Märchen. Auch als Karin nach ihrem 33.Geburtstag ihre “biologische Uhr ticken hörte” und den Wunsch nach einem Kind äußerte wies nichts auf bevorstehende Eheschwierigkeiten hin. Walter stimmte nach anfänglichem Zögern zu, Karin wurde ohne Probleme schwanger, hatte eine komplikationslose Schwangerschaft und schließlich normale Geburt. Im Märchen würde es jetzt heißen: Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage… .
Leider sind wir nicht im Märchen, sondern in der Realität. Und Realität bedeutete für Walter und Karin, daß ihr gesamtes bisheriges Leben plötzlich Kopf stand. Am Anfang war die Zeit mit dem Baby neu und aufregend, dann kamen die Probleme. Karin, die erfolgreich im Beruf gewesen und gewöhnt war, ihre Tage in einem Team mit Kollegen zu verbringen, fühlte sich alleingelassen und isoliert. Die Babypflege und -betreuung war ein 24 Stunden Job, der sie auslaugte. Die “Karrierefrau” Karin hatte unter ihren Freundinnen keine ebenfalls jungen Mütter in Karenz, mit denen sie sich hätte treffen können und ihre Familie lebte etliche hundert Kilometer entfernt. Karin sehnte sich dadurch um so mehr nach Gesprächen und Unternehmungen mit Walter. Dieser wiederum fühlte sich vor allem durch die finanziellen Verpflichtungen belastet. Außer Alimentationszahlungen für seinen Sohn aus erster Ehe hatte er nun für eine neue Familie zu sorgen. Dazu kam, daß das Unternehmen, für das er arbeitete, aus wirtschaftlichen Gründen einige Mitarbeiter kündigte. Walter fürchtete, das könnte auch ihn treffen und mit Mitte 40 hätte er dann nicht mehr die besten Aussichten am Arbeitsmarkt. Diese Sorgen trieben ihn dazu, sich in die Arbeit zu stürzen und viele Überstunden zu machen. Wenn er spät am Abend nach hause kam, fühlte er sich ebenfalls müde und ausgelaugt und hatte keine Lust mehr, sich um das Baby zu kümmern. Walter begann außerdem “zur Entspannung” mehr Wein zu trinken als für ihn gut war und schließlich lernte er durch einen Kollegen noch Spaß am Fischen. Von da an, war Walter fast jedes Wochenende unterwegs.
Karin ließ sich das natürlich nicht ohne weiteres gefallen. Sie war enttäuscht und wütend auf Walter, weil er sie ihrer Meinung nach in Stich ließ. Er sei schließlich mit einem Kind einverstanden gewesen, argumentierte sie, und sollte nun auch die Vaterpflichten erfüllen. Walter entgegnete diesem Vorwurf mit dem Hinweis, er hätte von Anfang an gesagt, er sei kein “Kindertyp”. Die beiden stritten immer häufiger. Karin nannte Walter ihren Freunden gegenüber nur noch den “Säufer”. Als ihr Sohn den ersten Geburtstag feierte, sprachen Walter und Karin von Scheidung, beschlossen dann aber, sich vorher beraten zu lassen.
Die Geschichte von Karin und Walter ist durchaus typisch. Viele Paare machen nach der Geburt eines Kindes die Erfahrung, daß sie mit ihrer zuvor guten Partnerschaft nicht mehr zufrieden sind. Eine Forschergruppe um John Gottmann von der Universität Seattle im US-Bundesstaat Washington hat vor einigen Monaten eine Studie veröffentlicht, wonach bei zwei Dritteln der von ihnen untersuchten Elternpaare die Zufriedenheit mit der Partnerschaft nach der Geburt des Kindes zunächst gestiegen und dann deutlich gesunken ist – gegen Ende der sechs Jahre dauernden Studie zeigten sich Elternpaare deutlich unzufriedener mit ihrer Partnerschaft als die Vergleichsgruppe kinderloser Paare. Die Wissenschaftler wollten außerdem mit ihrer Studie herausfinden, welche Kriterien die Stabilität einer Ehe vorhersagen. Sie kamen zu dem Schluß, daß neben der Zuneigung die Aufmerksamkeit und Besorgnis füreinander im täglichen Leben eine ausschlaggebende Rolle spielen. Und hier liegt nun bei vielen Paaren – wie auch bei Karin und Walter- das Problem.
Vor der Geburt ihres Sohnes hatte jeder von ihnen ein zufriedenstellendes Berufsleben. Viele Bedürfnisse nach Gesprächen, Selbstbestätigung und menschlicher Zuwendung wurden von den Kollegen, mit denen Walter und Karin zum Teil auch privat befreundet waren, erfüllt. So blieben Karin und Walter auch als Ehepaar zwei voneinander unabhängige Individuen, die nicht füreinander sorgen mußten. Das änderte sich mit der Geburt von Felix. Beide Partner brauchten nun Hilfe und Unterstützung von einander. Aber weder Karin noch Walter konnten die Bedürfnisse des anderen sehen und darauf eingehen, sondern jeder erwartete sich nur, daß die jeweils eigenen Bedürfnisse erfüllt wurden. Die Enttäuschung darüber, daß das nicht geschah, führte schließlich zum Zorn auf den Partner und Ablehnung. Walter benutzte schließlich das Fischen um dem Familienleben und Karin aus dem Weg zu gehen. Karin und Walter haben sich jetzt im Rahmen einer Partnertherapie auf den langen Weg gemacht, wieder Respekt voreinander zu bekommen und zu lernen, sich im täglichen Leben gegenseitig Aufmerksamkeit und Besorgnis zu schenken.
Was wäre in der Ehe der beiden wahrscheinlich anders gelaufen, hätte jeder von ihnen von Anfang an die Bedürfnisse des anderen stärker im Auge gehabt?
- Karin und Walter hätten mehr miteinander über ihre Wünsche und Ängste gesprochen. Karin hätte das Ausmaß der Belastung von Walter gekannt und Walter wäre bewußt gewesen, wie einsam, abgeschnitten und isoliert sich Karin fühlt. Nur wenn man weiß, wie es dem Partner geht und dessen Bedürfnisse ernstnimmt, kann man nach Lösungen für Probleme suchen. Karin könnte z.B. früher als geplant wieder berufstätig werden. Vielleicht wäre ihre Firma sogar mit einer Teilzeitlösung einverstanden. Dadurch hätte sie wieder Kontakt mit den Kollegen, Felix wäre nur ein paar Stunden bei einer Tagesmutter oder in einer Krippe und Walter wäre von der finanziellen Verantwortung entlastet. Mit Karins Arbeit als Rückhalt hätte er vielleicht weniger Angst vor einer Kündigung und könnte auf einige Überstunden verzichten.
- Viele Frauen sind wie Karin nicht zufrieden mit der Einsamkeit und Isolation in den ersten Kinderbetreuungsjahren (gilt natürlich auch für Männer, die ihren Beruf zugunsten der Kinderbetreuung aufgeben), wollen aber trotzdem nicht in den Beruf zurückkehren. In einem solchen Fall gibt es auch andere Lösungen: Müttergruppen, Berufsfortbildungskurse, Sportvereine oder eine Tätigkeit als Tagesmutter… . Wichtig ist, sich selbst nicht nur in der Mutterrolle zu sehen, sondern als Mensch mit über die Kinderbetreuung hinausgehenden Wünschen und Interessen, die erfüllt werden müssen.
- Männern scheint oft nicht klar zu sein, wie ermüdend und auslaugend ein Tag allein zu Hause mit einem kleinen Kind sein kann. Ihnen sei gesagt, daß vorgeblich scherzhafte Bemerkungen über das bequeme Hausfrauenleben auf viele Frauen recht verletzend wirken. Wer an einer guten Ehe und an einer engen Beziehung zum Kind interessiert ist, der sollte soviel wie möglich die Partnerin entlasten und sich trotz des eigenen anstrengenden Arbeitstages um den Nachwuchs kümmern – nicht nur in den ersten Monaten, sondern auch noch nach Jahren, wenn die erste Begeisterung über die neue Vaterrolle schon nachgelassen hat.
- Fragen der Kindererziehung sind ein häufiges Streitthema zwischen Eltern und grundsätzlich unterschiedliche Erziehungsvorstellungen und -ziele führen nicht selten zu einer Scheidung. Partner, die Eltern werden wollen, sollten daher schon im vorhinein über ihre Erziehungsvorstellungen und über ihre eigene Kindheit sprechen. Als Eltern wiederholen wir häufig das Verhalten, daß wir bei unseren eigenen Eltern erlebt haben. Wer sich im vorhinein über mögliche Konfliktpunkte im klaren ist, kann dann in der Erziehungspraxis besser damit umgehen. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob man mit seinem Partner nur die eigenen gemeinsamen Bedürfnisse erfüllen will oder ob man als Elternpaar zusammenarbeiten muß.
- Beziehungspartner sollten sich darüber bewußt werden, was vor der Geburt des Kindes die wesentliche Basis für ihre Beziehung war. Es ist wichtig, diese Basis auch nach der Geburt zu pflegen. Bei manchen Paaren mag es ein Hobby sein, sportliche Aktivitäten, gemeinsame Interessen oder wie bei Walter und Karin Lust am Reisen und häufige Zusammentreffen mit Freunden. Bei aller Liebe für das Baby ist es ganz wichtig, daß sich Partner nicht nur als Eltern betrachten, sondern auch als Partner füreinander. Männer klagen oft darüber, daß für ihre Frau nur noch das Baby zählt. Wer vor der Geburt des Babys seine Freizeit mit Bergsteigen oder Segeln verbrachte, sollte darauf in Zukunft nicht völlig verzichten. Am Anfang könnte die Lösung lauten, sich wechselseitig hin und wieder ein elternfreies Wochenende bzw. wenigstens ein paar Stunden Freizeit zu geben. Sobald die Kinder alt genug sind, um einmal ein Wochenende allein mit Oma und Opa oder anderen Familienangehörigen bzw. Freunden zu verbringen- oder wenigstens einen Abend mit einem Babysitter- sollten Paare diese Möglichkeit auch nutzen, um wieder einmal etwas allein als Partner zu unternehmen.
Kinder verändern die Wünsche und Bedürfnisse, die Partner an einander haben. Es ist keine leichte Aufgabe, diese Veränderungen bei all dem Alltagstrubel und Verpflichtungen im Augen zu behalten und darauf einzugehen. Doch hier liegt der Schlüssel für eine glückliche Ehe mit/trotz Kindern.



