Im Frühling erwachen nicht nur Liebesgefühle: Mehr Selbstmorde in der warmen Jahreszeit als im Winter

Written on Samstag, Juni 1st, 2002 at 16:41 by christiane

Viele Menschen leiden in den grauen verregneten Herbst- und Wintermonaten unter Depressionen. Was liegt also näher als zu vermuten, dass in dieser Zeit auch die Selbstmordraten steigen. Erstaunlicherweise stimmt das nicht, zumindest nicht für die USA. Statistiken zeigen, dass mehr Menschen in der warmen Jahreszeit Selbstmord verüben als im Winter.

Etwa 30 000 Amerikaner verüben jährlich Selbstmord, das sind etwa 80 Menschen pro Tag oder ein Mensch alle 18 Minuten. Zum Vergleich: Rund 17 000 sterben pro Jahr in den USA durch Mord und Totschlag.

Etwa 730 000 Menschen überlebten 1999 einen Selbstmordversuch (für spätere Jahre sind noch keine Zahlen erhältlich). Aufgrund von Schätzungen wird angenommen, dass zum jetzigen Zeitpunkt etwa 2 % der US- Bevölkerung irgendwann einmal im Leben einen Selbstmordversuch unternommen hat.

Im Gegensatz zu Vermutungen, dass die Zahl der Selbstmord um Weihnachten herum steigt zeigt die Statistik ein anderes Bild: Beginnend mit April bis zum Ende des Sommers sterben mehr Menschen durch eigene Hand als in den anderen Monaten.

Experten haben keine endgültigen Antworten warum die Frühlings- und Sommermonate eine Zeit der erhöhten Verzweiflung für manche Menschen sind, aber sie haben eine Hypothese: Wer den ganzen Herbst und Winter unter Depressionen leidet erhofft sich, dass es im Frühling wieder bergauf geht. Falls mehr Sonnenschein und Naturerwachen dann allerdings keinen positiven Einfluss auf die Psyche haben, intensiviert sich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und es setzt sich der Gedanke fest: Es hat alles keinen Sinn mehr.

Beth Wood, 38, aus Akron, Ohio wurde im Frühling 1995 nach der Einnahme von 40 Schmerztabletten mit Alkohol gerade noch rechtzeitig von ihrem Freund gefunden. Sie sagt heute über diesen Selbstmordversuch: “Die Vögel singen, Blumen blühen, alles Leben erwacht wieder. Und du fragst dich: wie kommt es, dass mein Leben nicht funktioniert? Wie kommt es, dass sich in meinem Leben nichts verbessert?”

Zu der Zeit, als sie ihren Selbstmordversuch unternahm lebte Beth Wood mit ihrem Freund zusammen, hatte aber keinen Kontakt mehr mit ihrer Familie und hatte außerdem ihren Arbeitsplatz gekündigt. „Ich war überzeugt, dass mich niemand vermissen würde weil ich solch eine wertlose Person geworden sei,“ sagt Wood heute über diese Zeit.

Barb Medlock, Mitarbeiterin in einem Kriseninterventionszentrum in Ohio meint, dass 90 Prozent der Menschen, die Selbstmord verüben, geholfen werden könnte. „Die Leute stolpern über emotionale Probleme, für die sie keine Lösung wissen. Da sie über keine guten Bewältigungsstrategien verfügen und weder Verwandte noch Freunde um Hilfe fragen, fühlen sie sich rasch überwältigt. Hoffnungslosigkeit entsteht und Selbstmord erscheint als einziger Ausweg aus der Misere.

Beth Wood bezeichnet Selbstmord heute als dumm und selbstsüchtig. Sie hatte – wie viele verzweifelte Menschen vor ihr – geglaubt, dass ihr Tod für die Familie eher eine Entlastung als eine Belastung sein würde. Nachdem sie im Spital wieder das Bewusstsein erlangt hatte und die besorgten Gesichter ihrer Angehörigen sah, die alle ins Spital geeilt waren, wusste sie, dass sie sich geirrt hatte. Und letztes Jahr erfuhr Beth Wood den Schmerz der Freunde und Familie nach einem Selbstmord auch aus nächster Nähe: Ein Freund, der ihr in ihrer schweren Zeit beigestanden war, starb durch eigene Hand.

Zum Abschluss noch einige Zahlen und Fakten:

  • Mit 59 Selbstmorden per 100 000 Männer über 85 Jahre hat diese Altersgruppe in den USA die höchste Selbstmordrate.
  • Selbstmord liegt bei jungen Leuten zwischen 15 und 24 Jahren unter den Todesursachen an dritter Stelle, nach Unfällen und Mord/Totschlag.
  • Viermal soviel Männer wie Frauen verüben Selbstmord, bei Selbstmordversuchen beträgt das Verhältnis zwischen Frauen und Männern aber 3:1.
  • Vielen Selbstmordversuchen gehen jahrelange Depressionen und Alkohol- oder Drogenmissbrauch voraus.

Originalartikel: Springtime brings out feelings of despair, hopelessness for many:
www.psycport.com, 26. April, 2002

Keine Kommentare »

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar

*