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Internetsucht und Einsamkeit
September 1999

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Einsamkeit und extremer Internet-Gebrauch sind schon des öfteren miteinander in Verbindung gebracht worden. Soweit also ein alter Hut. Was aber ist Ursache, was ist Wirkung? Gemeint ist, führt stundenlanges Web-surfen zu Einsamkeit oder werden einsame Menschen besonders von den Möglichkeiten des World-Wide-Web angesprochen und eingesogen? Dieser Frage forschen Wissenschafter aus aller Welt nach- und mit Ergebnissen, die beide Sichtweisen stützen: 1. Wer viel surft, reduziert seine Real Life Kontakte. Dadurch kann Einsamkeit entstehen 2. Einsame Menschen nutzen das Netz anders und ausgiebiger als Nichteinsame. Dadurch kann ihre Isolation noch größer werden. Dazu als Beispiel die Ergebnisse von zwei US-Studien:

  1. Wer viel surft, reduziert seine Real Life Kontakte

Die Ausgangsbasis für die Untersuchung zu diesem Thema waren die Hypothesen: Einsamkeit entsteht als Nebenprodukt von exzessiver Internet-Nutzung. Die Zeit Online und die Energie, die für Online-Beziehungen aufgewendet werden gehen zu Lasten von Real Life Beziehungen. Die 1998 publizierte HomeNet Studie (s. Literaturangabe) bestätigte mit einer etwas unüblichen Forschungsmethode diese Annahmen: Die 93 an der Studie teilnehmenden Familien mit insgesamt 169 surfenden Familienmitgliedern bekamen einen kostenlosen bzw. stark verbilligten Computer zur Verfügung gestellt, sowie Ausbildung und Internetzugang für zwei Jahre. Die psychologischen Tests zeigten, daß die Teilnehmer an der Studie mit der Zeit um so mehr Einsamkeitsgefühle angaben, je stärker und ausgiebiger sie das Internet nutzten. Die Autoren führten das auf Abnahme der Kommunikation in der Familie und Verlust von Interesse an sozialen Aktivitäten zurück.

  1. Einsame Menschen nutzen das Netz ausgiebiger und es hat eine andere Bedeutung für sie als für Nichteinsame

Einsamkeit wurde in dieser zweiten kürzlich veröffentlichten Untersuchung (s. Literangabe) nicht an der Anzahl der Beziehungen gemessen, sondern folgendermaßen definiert: Einsamkeit entsteht, wenn das soziale Netzwerk einer Person kleiner ist oder weniger befriedigend, als es die Person wünscht. Einsame Menschen werden als sozial gehemmt beschrieben, ängstlich, selbstunsicher und übersensibel in bezug auf Zurückweisung. Sie haben dadurch weniger Fähigkeiten, intime und enge Beziehungen aufzunehmen als Nichteinsame. Diese Kennzeichen von einsamen Menschen werden als Ursache für die große Attraktion des Internet angesehen: Zum einen bietet das Internet ein wesentlich größeres Angebot an sozialen Beziehungen, als das reale Leben. Es ist möglich anonym zu agieren. Das Ausmaß der sozialen Teilnahme kann besser selbstbestimmt werden und es können andere Menschen und die Art, wie sie mit anderen umgehen, beobachtet werden. Optimisten schlußfolgern daraus, daß einsame Menschen so eine Gelegenheit haben, soziale Fähigkeiten zu lernen und im Internet unverbindlich zu üben, quasi ein Trockentrainig für das reale Leben. Pessimisten meinen, Einsame verstricken sich dadurch noch mehr in ihrer Isolation und werden noch unfähiger für reale Kontakte.

Diese Fragen wurden in der Studie untersucht: 283 Studenten unterschiedlicher Studienrichtungen, die das Internet benutzen, wurden nicht nur nach dem zeitlichen Ausmaß ihrer Nutzung gefragt sondern auch nach ihrer Meinung zu verschiedenen Einstellungen und Ansichten in bezug auf das Internet. Mit einem zweiten Test wurden die Teilnehmer in die Gruppen "Einsame" und "Nichteinsame" aufgeteilt. Der Vergleich der Internetbezogen Daten in diesen beiden Gruppen zeigte etliche, statistisch bedeutsame Unterschiede: Nichteinsame waren pro Woche im Durchschnitt drei Stunden Online, Einsame fast doppelt so lang. Als Grund für die Internet-Nutzung nannten einsame Menschen stärker als Nichteinsame: Entspannung, Leute treffen, emotionale Unterstützung und Zeit-Totschlagen.

Bei den Einstellungen und Ansichten stimmten einsame Menschen etlichen Fragen deutlich häufiger zu als Nichteinsame, z. B.

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Ich ziehe Online-Kommunikation realer Kommunikation vor.

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Die Anonymität im Internet macht mich freier.

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Ich bin Online eher ich selbst als im realen Leben.

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Meine Online-Freunde verstehen mich besser als andere Menschen.

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Ich fühle mich schuldig, wenn ich an die Zeit denke, die ich Online verbringe anstatt zu arbeiten.

Zusammenfassend meinen die Autoren dieser Studie, daß nach ihren Ergebnissen einsame Menschen sich durch intensive Internetnutzung auf einen gefährlichen Kreislauf einlassen: Sie gehen ins Internet, um sich soziale Bedürfnisse zu erfüllen, aber die Online verbrachte Zeit schafft wieder Lücken und Probleme in ihren Beziehungen im realen Leben.

Literaturangabe:

Zu 1.) Kraut, Patterson, Landmark et al. (1998). Internet paradox: A social technology that reduces social involvement and psychological well being? American Psychologist, 53, 1017-1031 (zitiert nach Morahan-Martin u. Schumacher, siehe unten)

Zu 2.) Janet Morahan-Martin und Phyllis Schumacher, Bryant College (1999): Loneliness and social use of the Internet. Papier präsentiert auf dem Jahreskongreß des amerikansichen Psychologenverbandes APA, Boston, MA


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