Um zu zeigen, wie das Gebiet der Notfallpsychologie in der Praxis behandelt wird, möchte ich das Gebiet zunächst anhand einer Untersuchung beschreiben, die sich mit Copingstrategien (Bewältigungsstrategien) von Rettungsfahrern befaßt hat. (Lesen Sie zu diesem Thema auch den Bericht eines Rettungsfahrers und Tipps, wie man eine persönliche Katastrophe besser verarbeitet)
Zur Bedeutung der Notfallpsychologie:
Psychologische und psychotherapeutische Hilfen bei Krisen
Im Sommer/Herbst 1998 wurden Rettungsassistenten aus dem süddeutschen Raum mit klinischen Fragebögen nach ihren Belastungen, ihren Strategien zur Streßverarbeitung, ihrer Lebenseinstellung und ihrer Persönlichkeit befragt:
Die Ergebnisse zeigen, daß keine der untersuchten Copingstrategien wie z.B. die Inanspruchnahme einer Gesprächstherapie unter- oder überdurchschnittlich häufig genutzt wird, sondern gleichermaßen eingesetzt werden. Dies gilt auch für aktive Strategien und für passive wie Ablenkung und Vermeidung:
- 9,3% der teilnehmenden Rettungsassistenten erfüllten – betreffend der Streßverarbeitung – die Kriterien für das Vollbild der Posttraumatischen Belastungsstörung. 42,7% der Probanden gaben Symptome an, die nicht das Vollbild der PTSD (Post-Traumatic Stress Disorder) erfüllen, jedoch ausreichen, um auf eine subsyndromale PTSD hinzudeuten, die übrigen Befragten gaben keine (22,7%) oder nur geringe (25,3%) Symptome an.
- Bei der Beurteilung der subjektiven Belastung in der Streßverarbeitung schätzten sich die Probanden insgesamt als leicht beeinträchtigt ein. Die allgemeine Beeinträchtigung durch Streß wurde als durchschnittlich beschwerlich beurteilt.
- Die Betrachtung der Antworten der allgemeine Symptome ergab, daß z.B. Rückenschmerzen wie auch andere Erkrankungen durchschnittlich häufig bei den Rettungsassistenten auftraten.
- Die Beurteilung der Lebenseinstellung der Probanden ergab, daß jene mit einer sehr positiven, optimistischen Lebenseinstellung weniger unter subjektiven Beeinträchtigungen, Post-Traumatic-Stress-Disorder-Symptomen und allgemeinen Symptomen litten wie jene mit einer negativen Lebenseinstellung.
- Rettungsassistenten, die lt. Eigenangaben stärker unter Belastungs-Symptomen litten, berichteten auch über eine höhere subjektive Beeinträchtigung bedingt durch ihren Job.
- Bei der Untersuchung der Frage, ob das Ausmaß der Belastung in Zusammenhang mit der Anwendung von bestimmten Copingstrategien steht, ergab sich, daß die Strategien ‘Emotionale Betroffenheit und Aufgeben’ mit höherer Belastung in allen untersuchten Bereichen ( PTSD-Symptome, allgemeine Symptome, subjektive Beeinträchtigung) einher ging. Daher kann davon gesprochen werden, daß die Stärke der emotionalen Betroffenheit bei den Rettungsassistenten in einem direkten Zusammenhang mit dem Ausmaß der Belastung steht.
- In der Studie kam man ebenso zu dem Ergebnis, daß je mehr aktive Kontrollversuche von Belastungssituationen und – reaktionen des Patienten gesetzt werden, desto weniger die allgemeinen Symptome hervortreten. Für ‘Vermeidung’ und andere Strategien war kein nennenswerter Zusammenhang nachweisbar.
- Hinsichtlich der Untersuchung der Persönlichkeit und der Höhe der Belastung ergab sich für die Skala ‘Neurotizismus’ ein durchschnittlich hoher positiver Zusammenhang mit allen drei Belastungsbereichen (s.o.), was den bisherigen Studien entspricht und bedeutet, daß je stärker der Neurotizismus bei den Rettungsassistenten ausgeprägt ist, desto stärker auch eine Belastung in Form von PTSD – Symptomen, allgemeinen Symptomen und subjektiver Beeinträchtigung nachgewiesen werden kann.
- Die Ergebnisse weisen darauf hin, daß verschiedene Personen evtl. jeweils mehrere unterschiedliche Copingstrategien bzw. eine Kombination davon zur Verfügung haben, auf die sie zurückgreifen können und deren Auswahl je nach Art der Situation und deren Bewertung stattfindet. Hier und hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Belastung und verschiedenen Copingstrategien wäre noch weitere Forschung notwendig. Auch die Persönlichkeitsvariablen wie z.B. Extraversion und Introversion einschließlich denen, für die sich hier kein Zusammenhang nachweisen ließ, sollten noch näher im Zusammenhang mit einer Belastung betrachtet werden. Die Werte für die PTSD- Symptome liegen über denen der Normalbevölkerung, was auf die Belastung der Rettungsassistenten hindeutet und auf die Frage nach entsprechender Prävention oder Intervention hinführt.
Definition des Begriffs ‘Risiko’ aus wissenschaftlicher Sicht und aus der Sicht der Betroffenen gesehen
Somit kann davon ausgegangen werden, daß der Begriff der Krise nicht eigenständig einen Platz in der Debatte zum Krisenmanagement einnimmt, sondern nur im Zusammenhang einer Auswirkung auf eine Katastrophe gesehen wird. Ziel und Zweck der Bewußtmachung einer anderen Definition von ‘Risiko’ ist es aus heutiger Sicht gesehen, daß jeder einzelne es lernt, zwischen dem ‘objektiven’ und dem ‘subjektiven’ Einzelrisiko oder kollektivem Risiko zu differenzieren , wobei das ‘objektive’ Risiko z.B. die Rahmenbedingungen eines tatsächlich öffentlichen Autounfalles beschreibt, jedoch das ‘subjektive’ Risiko die persönliche Einstellung des Konsumenten zu dem Unfall meint. Das objektive Risiko kann so verstanden werden, daß z.B. jeder Autofahrer Informationen darüber hat, daß wenn er 0,05 Promille im Blut hat und sich ins Auto setzt, er einen Autounfall haben kann. Ein hohes subjektive Risiko ist dann gegeben, wenn der Konsument diese gegebene Gefahr der Alkoholgefährdung im Straßenverkehr nicht ernst nimmt und einen Autounfall wegen nachlässiger Einstellung zum Thema ‘Alkohol im Verkehr’ hat.
Ziele der psychologischen und psychotherapeutischem Intervention:
Damit sich jeder einzelne von uns vorstellen kann, wie er sich im Falle einer Krise optimal zu verhalten hat, möchte ich hier ganz kurz ein paar Prinzipien erläutern, wie man eine psychologische oder psychotherapeutische Krisenintervention setzen kann, damit sie von jedem sofort in der Krisensituation eingesetzt werden kann:
- Der Helfer sollte den Betroffenen und seine Umgebung in der Krisenzeit besonders unterstützen.
- Der Patient sollte sich darüber im Klaren sein, daß es keinen Ersatz von verlorenem/r Partner/Extremitäten gibt. Es ist nicht die Verleugnung der schmerzlichen Realität wichtig, sondern die Stütze und das Mitgefühl ( =Empathie ) des Angehörigen, Psychologen, Mediziners oder Therapeuten in der Krise.
- In der psychologischen Krise sollte der Helfer den Patienten ermutigen, Gefühle von Trauer, Schmerz, Feindseligkeit und Aggressionen oder andere Gefühlszustände zuzulassen.
- Die Beurteilung der Lebenseinstellung der Probanden ergab, daß jene mit einer sehr positiven, optimistischen Lebenseinstellung weniger unter subjektiven Beeinträchtigungen, Post-Traumatic-Stress-Disorder-Symptomen und allgemeinen Symptomen litten wie jene mit einer negativen Lebenseinstellung.
- Kurzfristig erscheint es in der Krise wichtig, das persönliche Ziel des Einzelnen zu realisieren und zu definieren : Wie geht es z.B. weiter nach einer Scheidung oder anderen Lebenskrisen?
- In der Schockphase darf der/die Betroffene nicht alleine gelassen werden, sondern sollte sich in stationäre Behandlung begeben oder von den Angehörigen betreut werden.
- Ein rasches Erkennen der Krise und ein Eingreifen des Helfers, des Therapeuten und der Institution in Krisensituationen sollte in der Intervention möglich sein.
Eine von vielen möglichen psychologischen Kriseninterventionen umfaßt demnach Maßnahmen, die es ermöglichen, daß
- die Wiederherstellung des psychischen Gleichgewichtes gewährleistet wird.
- die Befähigung zur aktuellen Problemlösung kontinuierlicher ist,
- eine selbstständige Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit stattfindet.
Im Mittelpunkt der psychologischen und psychotherapeutischen Krisenintervention steht der aktuelle Konflikt. Die Einbeziehung der Umwelt ist von Interesse. Eine eventuelle Entlastung und Unterstützung durch Medikamente sollte im Falle einer Krisensituation gesetzt werden. Eine interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Arzt, Psychologe, Sozialarbeiter und Psychiater sollte stattfinden.
Bausteine einer psychologischen Hilfeleistung in der Krisensituation:
Für die ‘psychologische’ Hilfe ist nach Dohrenwend& Dohrenwend (1994) die Kenntnis
- des Krisenauslösers ( z.B. Lebensveränderungskrise oder traumatische Krise)
- der inneren Bedeutung der Krise ( Identitätsentwicklung, psychosozialer Werdegang, Pubertät, Entwicklungsgeschichte,..)
- des Verlaufs von Krisen ( Sach-, Bearbeitungs- und Neuorientierungsphase, gegebenenfalls Fixierung, Neurotisierung etc.) und
- der sozialen Situation ( funktionsfähige Umgebung oder Isolation) von Interesse
Haltung der Helfer in psychologischen Kriseninterventionen
Im Falle einer psychologischen Intervention sollte der Arzt, Psychologe, oder Helfer wenn möglich folgende Grundhaltung einnehmen:
- Ich nehme den anderen, wie er ist.
- Ich fange dort an, wo der andere steht.
- Ich zeige, daß ich mit ihm Kontakt aufnehmen möchte.
- Ich verzichte auf argumentierendes Diskutieren.
- Ich nehme die in mir ausgelösten Gefühle wahr.
- Ich verzichte auf die Anliegen eigener Wertmaßstäbe.
- Ich orientiere mich nach den Bedürfnissen.
- Ich arbeite an der Partnerschaft und vermeide Objekte und Distanz.
Im Zuge der Krise kann es zu einer suizidalen Einengung oder einer Einengung der zwischenmenschlichen Beziehung kommen. Somit bedarf es beim Betroffenen der Zuwendung des Kontaktes und der Empathie des Helfers. Es sollte dies als Versuch gesehen werden, eine günstige Distanz- Nähe Beziehung gewinnen zu können.
Psychotherapeutische Krisenintervention
Die psychotherapeutische Krisenintervention umfaßt Aktionen, die zur Linderung krisenbedingter Leidenszustände und zur Verhütung ihrer sozialen, psychologischen und medizinischen Folgen, insbesondere zur Reduzierung krisengebundener Krankheitsrisiken gedacht sind. Entscheidend in der heutigen psychotherapeutischen Intervention ist, was ein Patient im Verlauf seiner Behandlung im Umgang mit dem klinischen Versorgungssystem gelernt hat, konkret: ob er gelernt hat, für sein Beschwerdebild die geeigneten Copingstrategien der jeweiligen Therapie anzunehmen oder nicht. Eine tiefgründige Anamnese zur Abklärung der Krise ist von Interesse.
Eine angemessene Diagnostik und erfolgreiche Therapie chronischer und akuter Schmerzen in Krisensituationen erfordert sowohl die Integration der diversen Ebenen von Schmerz als auch der psychophysiologischen Erfahrungen des Patienten im Verlaufe des Chronisierungsprozesses der Krisensymptome. Die akute Krisentherapie, oder die Schmerztherapie muß mit der eventuellen Bedrohung zusammenhängen, der Körper muß schon vorher im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden haben.
In der Therapie ( Physio-, Ergotherapie, oder einer anderen Art von Therapie) ist abzuklären, welche Fähigkeiten der Patient noch hat bzw. eventuell verloren hat. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten vor dem Schmerzbeginn sollen erkannt und gewürdigt werden, ebenso wie ihr Verlust zusammen mit dem Patienten zu bedauern ist. In der Behandlung soll der Schmerz oder das Leid angetastet werden. Hingegen soll der sekundäre Gewinn möglichst eingeschränkt werden. Im Vordergrund der psychotherapeutischen Therapie sollte das psychoanalytische Gespräch stehen.
Anfragen und Kommentare zu diesem Artikel bitte an Irene Prokop, email: <http://www.privatedaddy.com?q=QQQQMBcpEAZ1CiBjfCVlMzN1aVs6HlZ7PU1tTHZs_19>
Literaturliste:
Adler R., Hemmeler W.: ”Anamnese und Körperuntersuchung” , Geleitwort von Skure von Uexküll, 3. Auflage, Gustav Fischer ( S.200 – 201 ), 1992
Cullberg, R.: Krisen- und Krisentherapie- Psychiatrische Praxis( S.34 – 35 ), 1978
Dohrenwend& Dohrenwend (1994) (Hrsg): Stressfull life events: ”Their nature and effects” : Wiley; New York
Fisher Gustav (1992) ”Krisenintervention”, Thieme Verlag, (S. 20-22)
Hoffmann, Egle: ”Der Schmerzkranke” , Schotthauer Verlag ( S.119, Stuttgart – New York), 1993
Ringel, E. ”Die Arzt -Patient- Beziehung”, 1989 Rossmanith, Strotzka, Mandrixch Verlag
Sonneck, G.: ( 1989) S.68-69 ”Arzt-Patient-Beziehung in Krisensituationen”, Stuttgart Verlag
Zielle und Merk ( 1991), S.33, ”Psychologische Maßnahmen in Krisensituationen” Hoffmann Egle, S.119
Zum Thema ‘Traumabewältigung’ lesen Sie auch die Beiträge: Bericht eines Rettungsfahrers und Tipps, wie man eine persönliche Katastrophe besser verarbeitet.

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