Unter US-Studenten ist der Anteil von Internetsüchtigen größer als in der Gesamtheit der Internetnutzer. Dr. Kimberley Young vom Center für Online Addiction in Pittsburgh, USA schätzt die Zahl der Betroffenen mit ‘pathologischer Internetnutzung’ (offizielle Bezeichnung, eingeführt durch die American Psychological Association im Jahr 1997) unter Collegestudenten auf 8 bis 14 Prozent gegenüber 6 Prozent unter allen Internetnutzern. Besonders gefährdet sind nach Aussagen von Dr. Young in einem von der US-Nachrichtenagentur U-Wire verbreiteten Artikel Studenten mit Studienproblemen oder Problemen mit ihrem Partner bzw. Freunden.
Die Psychologin gibt zu, daß es oft schwer ist zu unterscheiden, ob tägliches stundenlanges Surfen oder Chatten zwanghaftes Verhalten darstellt oder lediglich Ausdruck großer Langeweile ist. So berichtet James Jolly, ein College-Student über seinen Zimmerkollegen, daß er in jeder freien Minute am Computer sitzt und chattet oder ‘instant e-mails’ schickt: ‘Ich glaube nicht, daß er süchtig ist, er spart nur Geld in dem er den Computer benutzt statt ein Telefon’. (In den USA ist nur eine Grundgebühr für die Modem-Verbindung bzw. Internetanbindung gemeinsam mit Kabel-TV zu bezahlen, die Zeit Online gilt als ‘Ortsgespräch’ und ist mit der Telefon-Grundgebühr abgedeckt.)
Warnzeichen von Internetsucht und Selbsttest
Was sind die Warnzeichen einer ‘Internetsucht’? Internetnutzer, die jede Minute ihrer Freizeit im Web verbringen, ihre Familie und Freunde über das Ausmaß der Online verbrachten Zeit anlügen, bereits Probleme in der Partnerschaft oder im Beruf wegen ihres Surfverhaltens haben und sich im realen Leben ängstlich oder deprimiert fühlen zeigen typische Warnzeichen und sollten Kontakt mit einem Psychologen oder Therapeuten aufnehmen. Einen kurzen Selbsttest mit weiteren Warnzeichen findet sich auf meiner Homepage. Wer einmal einen amerikanischen Test in Originalform machen möchte, dem sei der Selbsttest des Centers für Online-Addiction empfohlen: http://netaddiction.com/resources/test.htm.
Wissenschafter über Online-Generation besorgt
Dr. Kimberley Young gehört zu den ersten ‘Cyber-Psychologen’ in den USA. Mittlerweile haben etliche andere Wissenschafter dieses Thema entdeckt und springen auf den Zug auf, in dem sie gegenüber Medienvertretern ihre Besorgnis über die Entwicklung äußern. Während sich heutige US-Teenager eine Zeit ohne Computer gar nicht mehr vorstellen können, befürchten Psychologen negative Folgen für die soziale Entwicklung der Gesellschaft: Je mehr die üblichen Teenie-Treffpunkte wie Pizzerias, Skateboard-Bahnen oder Discos durch Aktivitäten im Cyberspace ersetzt werden, desto stärker werden Isolation, Einsamkeit und Ungeübtheit in zwischenmenschlichen Kontakten.
Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston hat kürzlich eine Studie über den Einfluß der interaktiven Computertechnologie auf Selbstidentität und Wertvorstellungen von Teenagern gestartet: ‘Wir wollen nicht nur untersuchen, was der Computer für uns tun kann, sondern auch, was er mit uns anstellt’. Eine ähnliche Studie wird an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh laufen. Sozialpsychologe Robert Kraut meint, er sei besorgt über den ‘hohen Preis an verpaßten Gelegenheiten’ den Jugendliche für ihre Online-Zeit zahlen müssen. In einer früheren Studie (1998) untersuchte Kraut 100 Pittsburgher Familien, die einen Internetzugang besaßen und fand, daß Jugendliche mit ein paar Stunden Internetaktivitäten pro Woche weniger Freunde hatten als andere Jugendliche. ‘Chatten mag besser sein als Fernschauen, aber es ist schlechter, als sich irgendwo mit seinen Freunden real zu treffen’ sagt Robert Kraut.
Viele Jugendliche selbst sehen nichts ungewöhnliches darin, daß der Computer einen zentralen Platz in ihrem sozialen Leben einnimmt. Mittlerweile besitzen 40 Prozent aller US-Haushalte einen Computer, bei Haushalten mit einem Jahreseinkommen von mehr als 50 000 US-Dollar sind es sogar fast 70 Prozent. Beim Internet-Provider America Online führt man die immense Zunahme der Nutzung des ‘Instant- Messenger Systems” ( es ermöglicht gleichzeitige Realtime- Kommunikation mit mehreren Freunden) vor allem auf die hohe Akzeptanz bei Jugendlichen zurück. Die Nutzungsspitze für das System wird regelmäßig am nachmittag verzeichnet, kurz nach Schulschluß.
Virtuelle Welt contra reale Welt?
Während Wissenschafter über die Realitätsferne in der virtuellen Welt besorgt sind, haben viele Jugendliche damit kaum Probleme. Sie erwarten gar nicht erst, daß die Online Welt genauso ist wie die reale Welt. So reagierte der 14jährige Jonathon Reis aus Somerville gelassen nach seinem ersten Treffen mit einem recht molligen Mädchen, das sich im Online Kontakt als schlank bezeichnet hatte: ‘Ich weiß, daß sich die meisten mit größter Wahrscheinlichkeit als attraktiver beschreiben als sie wirklich sind.’ Andere Teens geben zu, daß es leichter ist jemanden Online nach einem Date zu fragen oder eine Beziehung zu beenden als im persönlichen Gespräch.
Soziologin Sherry Turkle meint zu diesen Ansichten, der Cyberspace wird mehr und mehr zum elektronischen Spielplatz von Jugendlichen. Eine Entwicklung, der sie auch Positives abgewinnen kann: Die Anonymität zum Beispiel bietet Jugendlichen die Chance verschiedene Identitäten auszuprobieren und dadurch mit der Zeit ihre eigene zu finden – ein wichtiger Entwicklungsschritt, der in der Teenagerzeit vollzogen werden sollte.
Andere Wissenschafter bleiben bei ihrer eher negativen Haltung. So äußert sich Harry Waxman von der Harvard Medical School in Cambridge besorgt über die Schwäche von sozialen Kontakten, die im Internet geknüpft werden. Er meint:’Das ist nicht die Art von Beziehungen, die dich in einer ernsten Lebenskrise stützen können’. Waxmann fürchtet, daß derzeit eine Generation von Teenagern erzogen wird, die später als Erwachsene ein Problem eher durch ein E-Mail lösen als in offener Diskussion von Gesicht zu Gesicht.
Quelle: American Psychological Association – Psycport

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